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Emilia Galotti und das unsterbliche Drama

Datum 09.10.2020


 
Das Drama „Emilia Galotti“ wurde vor ca. 250 Jahren von Gotthold Ephraim Lessing verfasst und vor fast zwanzig Jahren in einer “modernen”, kurzen und intensiven Inszenierung vom Regisseur Michael Thalheimer im Deutschen Theater Berlin aufgeführt. Es handelt von einem Prinzen, der so schamlos ein hübsches, junges Mädchen begehrt und deren Leben an sich reißt, dass die junge Emilia ihren Vater bittet, sie umzubringen, denn der Tod ist besser als ein Leben in Schande.

Lessings bekanntes Werk wurde über Jahrzehnte traditionell in ziehender Länge aufgeführt - bis Thalheimer eine moderne Version erschuf, die in unglaublich schneller Sprache das Drama komprimiert ans Publikum bringt. Die Inszenierung basiert auf extremen Emotionen, in denen der Text etwas versinkt. Natürlich bringt das kontroverse Meinungen mit sich: Rüdiger Schaper erklärt in seinem Artikel im “Tagesspiegel”, es werde „maschinengewehrschnell gesprochen“ und Emilia Galotti „balanciere auf einem dünnen Grad zwischen höchster Anspannung und Flapsigkeit“. Irene Bazinger von der “Welt” behauptet, es werde ein kreativer Umgang mit der Zeit gelehrt. Beide Stimmen sind nachvollziehbar. Die eine Seite möchte die philologische Schönheit bewahren, die andere möchte das Interesse der Moderne wecken. Beide Seiten sorgen sich jedoch um die Einbettung des Dramas durch die Inszenierung in die heutige Aktualität.

Unbegrenzte Chancen der Oberschicht, die keinen Gedanken an Moral verschwenden muss, nie zur Rechenschaft gezogen wird und die damals “bürgerliche”, heute “sozial benachteiligte” Bevölkerungsschicht bezahlt, denn ihr Leben scheint nur als nutzbare Ware betrachtet zu werden. Sexuelle Objektivität Frauen gegenüber ist hier zweifelsfrei auch ein wichtiger Punkt: Emilias Tod sollte unbedingt auch als letzter Ausdruck ihrer Emanzipation betrachtet werden. Machtmissbrauch, verzweifelte Taten, um die Ehre zu bewahren, und extreme menschliche Abgründe; das klingt für mich durchaus aktuell. Grundsätzlich hat sich an diesen Strukturen seit 250 Jahren also wenig geändert. Die herrschenden Schichten überlassen dem Rest zwar die Freiheit, Moralfragen zu beantworten und diese Antworten allgemein zu definieren, letztendlich haben sie jedoch jede Freiheit, zu tun und zu lassen, was sie wollen - und sich zu nehmen, was sie wollen. Aber wie kann dieses massive Defizit, vielleicht auch in Form von „Emilia Galotti“ in unserem Alltag Anklang finden? Durch einen Artikel im Newsletter? Durch das kleine gelbe Reclam-Heftchen in der untersten Schreibtischschublade unserer Eltern? Durch Thalheimer und andere Inszenierungen? Oder bleibt es tatsächlich nur beim Unterricht? 

„Emilia Galotti“ ist meiner Meinung nach ein unglaublich interessantes und aktuelles Drama, da es die maßlose Bedeutung der Ehre und die unmoralische Herrschaft der oberen Bevölkerungsschicht in einem emotional geladenen Beispiel präsentiert. Ich bin überzeugt; das Werk interessiert die Jugend und meine Generation ungemein, denn wir haben (häufig) Spaß daran, uns kritisch mit kontroversen Inhalten auseinanderzusetzen. Wir sind durchaus politisch und „Emilia Galotti“ zeigt viele gesellschaftliche Fassetten, die sich zum Diskutieren fantastisch eignen. Aber das Diskutieren und Verstehen geht so im Interpretieren von maschienengewehrschnellen Inszenierungen unter, dass gar kein Raum für die eigenen Überlegungen bleibt. Wie sollen wir denn Gefallen an solch mehrschichtigen Beispielen finden, wenn uns Thalheimers Schauspieler die extremen Gefühle von Emilia und Co in den Kopf brüllen? Meine These also: Vor lauter kreativer Selbstverwirklichung geht der Hintergrund der Geschichte verloren und nimmt uns die Denkanstöße.  Es wird uns Schülern soweit vorgedacht, dass nur die Möglichkeiten, zustimmen oder in eine Mischung aus Überforderung und Langweile fallen, bleiben. Die Vorstellung, dass Thalheimer je das Privileg haben wird, die Jugend zu seinen Zuschauern zu zählen, fällt mir schwer. Es ist selten, dass man eine/n Mitschüler/in ohne Sarkasmus vom letzten Theaterbesuch bei Goethe, Schiller oder Lessing schwärmen hört.

Letztendlich möchte ich also festhalten, dass „Emilia Galotti“ deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient, als sie erreicht, dass Thalheimer zu laut ist, um für uns Jugendliche als modern zu gelten und als interessant zu wirken, und dass Lessing in seinem Meisterwerk die unterdrückenden Strukturen für 250 Jahre beschrieben hat.

Pia Hahn
Klasse 11

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