Den größten Frevel – Corona-Pandemie

„Betrachte es als den größten Frevel … um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren.“ 
-Juvenal

Wegen der Corona-Pandemie erleben wir viele Einschränkungen. Werden aktuell die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, ausreichend berücksichtigt? Oder ist das Überleben wichtiger? Mit anderen Worten: „freveln“ wir im Moment?

Die Corona-Krise hat unser aller Leben durcheinandergebracht: Sie hat unsere Pläne zerschlagen, uns eingeschränkt, alltägliche Routinen zerstört, alte Denkmuster unbrauchbar gemacht und uns unsere Verletzlichkeit ins Bewusstsein gerufen. Und das Leben viel schwieriger gemacht: All die Dinge, auf die wir uns früher gefreut haben, die das Leben lustig und interessant gemacht haben, die uns für einen kurzen Moment aus der monotonen Realität des Alltagslebens herausgeholt haben – ein erholsamer Urlaub, eine Reise an einen unbekannten Ort, mit Freunden trinken, tanzen, lachen bis zum Umfallen – diese magischen Momente, Erlebnisse und Erinnerungen, die unserem Leben einst einen Sinn gaben, sind verschwunden.

Es ist, als hätte jemand die Farben am Fernseher ausgeschaltet und wir sehen nur noch grau. Ohne die Dinge, die jeden Tag besonders machen, die uns entkommen lassen und uns erlauben, das Leben zu genießen, auch wenn es schwierig wird, ohne diese Dinge wird das Leben deprimierend und langweilig. Für den Menschen ist das kein lebenswertes Leben, also warum lassen wir das zu? Wir können all diese Dinge leicht zurückbringen und zur „Normalität“ zurückkehren, also warum tun wir das nicht?

Die Pandemie hat uns vor einige schwierige ethische Entscheidungen gestellt. Gesundheit oder Freiheit?  Das höchste Gut der größten Zahl oder die Rechte des Einzelnen?  Diejenigen, die für Freiheit plädieren, müssen zum Beispiel akzeptieren, dass sie die Freiheit der Schwachen einschränken, wenn sie Masken und soziale Distanzierung ignorieren, während diejenigen, die an die Gesundheit appellieren, einsehen müssen, dass ohne eine gewisse Entlastung der Wirtschaft kein Geld für die Pflege zur Verfügung stehen wird. Nichtsdestotrotz sind die Dilemmas oft real, und sie werden zumindest teilweise durch die härteste Entscheidung von allen untermauert, und eine der am wenigsten diskutierten. Wenn eine Pandemie zuschlägt, sollte unser übergeordnetes Ziel der Schutz von Leben oder von Lebensqualität sein?

Trotz der strengen Einschränkungen, die die große Mehrheit von uns in diesem Jahr akzeptiert hat, um Leben zu schützen, glaube ich, dass die meisten von uns sagen würden, dass unser übergeordnetes Ziel die Lebensqualität ist. Wenn eine Regierung zu uns sagen würde: „Bleibt für immer in eurem Haus eingeschlossen; wir werden euch Essen, Kleidung und andere lebensnotwendige Dinge an eure Tür bringen, und ihr werdet nie wieder auch nur eine Erkältung bekommen, geschweige denn Covid-19“, ich glaube nicht, dass viele von uns das akzeptieren würden. Wir wollen nicht nur Leben, sondern ein lebenswertes Leben.

Doch die Konzentration auf das Gedeihen muss nicht mit Egoismus einhergehen. Für mich bedeutet „Gedeihen“ die Verwirklichung verschiedener Formen des Potenzials – intellektuell, emotional, phantasievoll und körperlich, die alle gleich wichtig sind. Aber kritischerweise schließt dies auch die Praxis der Fürsorge und des Mitgefühls ein, die für individuelles oder gemeinschaftliches Gedeihen notwendig sind. Die Lebensqualität und nicht nur das Leben zum obersten Ziel zu machen, bedeutet nicht, den Virus unkontrolliert durch die Gesellschaft wüten zu lassen.  Menschen können nicht gedeihen, wenn sie tot sind. Aber es bedeutet schon, dass wir nicht weiter blind durchs Leben gehen können, von einem Tag auf den anderen. Wir müssen anfangen, uns die schwierigen Fragen zu stellen. Es drängen Fragen an die Oberfläche, die sonst in der Hektik des Alltags untergehen oder leicht wegzuschieben sind: Mache ich überhaupt das Richtige? Wofür lohnt es sich zu leben? Überhaupt: Was ist der Sinn des Lebens? Mit uns selber ehrlich zu sein und diese Fragen für sich zu beantworten, das Leben zu schätzen, auch in den Momenten wo es schwierig wird. Das ist der Ausweg aus der Misere, die wir gerade erleben und ein Ausweg aus unserem Freveln.

Janna Eckoldt
Klasse 12

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